Becher-Schule revisited — warum Düsseldorf die Foto-Mitte bleibt
Über die Klasse Bernd und Hilla Bechers, ihre Nachwirkung in der Düsseldorfer Foto-Szene und die Frage, was vom typologischen Sehen heute trägt.
Wenn in einem internationalen Foto-Kontext „Düsseldorfer Schule” gesagt wird, ist nicht eine Universität gemeint, sondern eine Klasse — die Fotografie-Klasse der Kunstakademie Düsseldorf, die Bernd Becher ab 1976 mit seiner Frau Hilla aufgebaut hat. Sie ist heute, fünf Jahrzehnte später, der wichtigste Bezugspunkt der zeitgenössischen deutschen Fotografie, und ihre Absolventinnen und Absolventen — Gursky, Höfer, Ruff, Struth, Demand, Hütte, Sasse, später Tata Ronkholz und viele andere — sind in den Sammlungen der großen Foto-Häuser zwischen New York und Tokyo gegenwärtig.
Was diese Klasse besonders gemacht hat, ist nicht eine ästhetische Vorschrift. Die Becher haben nicht alle in Schwarzweiß-Großformat gezwungen oder ein Sujet-Schema verlangt. Sie haben eine Lesehaltung weitergegeben: das Bild als Dokument, das auf etwas außerhalb seiner selbst verweist, und das durch Wiederholung des Sujets — der berühmten Becher-Typologien von Fördertürmen, Wassertürmen, Fachwerkhäusern — eine Argumentation aufbaut. Wer eine Aufnahme isoliert betrachtet, sieht ein Industriegebäude. Wer zehn Aufnahmen derselben Gebäudegattung nebeneinander sieht, sieht eine Geschichte über Industrie, Strukturwandel, Architektur-Konvention und das, was Provinz mit Form macht.
Diese typologische Lesehaltung ist in der Klasse weitergewachsen, aber in ganz unterschiedliche Richtungen. Andreas Gursky hat sie ins Riesen-Format und ins farb-getriebene Display-Bild übersetzt — Aufnahmen einer Tokioter Börse, eines Stuttgarter Industriebands, eines nordkoreanischen Massenchoreografie-Stadions. Candida Höfer hat sie ins Bibliotheks- und Lese-Saal-Sujet überführt — leere Räume, die durch ihre Architektur eine Aussage über Wissen und Repräsentation enthalten. Thomas Ruff hat sie zertrümmert und wieder zusammengesetzt — Pixel-Porträts, JPEG-Reduktionen, Nacht-Aufnahmen, die das Verhältnis von Datei und Wahrnehmung neu verhandeln. Thomas Struth hat sie in den Museumsraum gebracht — Menschen, die Bilder betrachten, fotografiert als zweite Schicht der Bildbetrachtung.
Was an dieser Linie heute, in der dritten und vierten Generation nach der Klassengründung, trägt, ist die Lese-Disziplin. Eine Düsseldorfer Aufnahme kommt selten aus dem Affekt, fast immer aus der Komposition. Sie wird nicht hingeworfen, sie wird gebaut. Diese Haltung gibt der Düsseldorfer Foto-Szene eine Kohärenz, die andere Foto-Hochschulen — Leipzig, Hamburg, Essen, München — bewusst herausfordern, aber selten widerlegen. Wer in einem Foto-Magazin schreibt, kommt um die Frage „wie sieht das aus, wenn Gursky es betrachten würde” nicht herum.
Die Frage für die laufende Bildkultur — und für KRAUT — ist, was die Klasse heute, im Zeitalter von Smartphone-Fotografie und KI-generierten Bildern, an die nächste Lesegeneration weitergibt. Wir vermuten: nicht das Großformat, nicht den typologischen Mit-Schnitt, nicht das Galerie-Maß. Sondern die Bereitschaft, ein Bild ernst zu lesen — also Zeit zu investieren, bevor man urteilt. Diese Lese-Haltung trägt durch die nächsten zwanzig Jahre. Wir bleiben darin Düsseldorfer.