Heft 22
KRAUT Magazin für angewandte Bildkultur
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Porträt I

Stephen Shore, Uncommon Places — was Amerika 1973 uns heute zeigt

Über die Farb-Wende der amerikanischen Fotografie und warum Shores Aufnahmen aus Kleinstädten und Tankstellen heute lesbarer wirken als vor fünfzig Jahren.

Stephen Shore hat 1973 angefangen, mit einer 8×10-Großbildkamera auf Reisen durch die USA Tankstellen, Hotelzimmer, Frühstücks-Tabletts und Parkplatzanlagen zu fotografieren. Das Buch, das daraus geworden ist — Uncommon Places — erschien 1982 und wurde nicht sofort verstanden. Farbe galt damals als Werbung, nicht als Kunst. Schwarzweiß war ernst, Farbe war Kodak-Werbeplakat. Shores Generation — er, William Eggleston, Joel Sternfeld, später Joel Meyerowitz — hat das verschoben, indem sie Farbe wie eine eigene Sprache behandelt haben: nicht als Effekt, sondern als Inventar. Ein gelbes Auto vor einem türkisen Motel hat Bedeutung, weil die Farben aus dem Sujet selbst kommen, nicht aus der Belichtung.

Was die Aufnahmen heute lesbar macht, ist nicht das Nostalgische. Es ist die Komposition. Shore hat in jeder Aufnahme drei Bildebenen — Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund — sauber getrennt, oft durch farbige Flächen, manchmal durch architektonische Linien. Eine Tankstelle in Texas wird zur Bühne, weil das Dach, der Boden und der Horizont jeweils eigene Farbwerte haben und ineinander greifen wie Bühnenelemente. Das ist nicht Reportage, das ist Stillleben in der Landschaft.

Die Düsseldorfer Becher-Schule hat Shore aufgenommen, weil er die typologische Lese-Praxis ihrer Lehre teilt: die Wiederholung des Sujets — Tankstelle, Tankstelle, Tankstelle — zwingt das Auge, Unterschiede zu suchen. Andreas Gursky hat in Interviews mehrfach betont, dass Shore zu den frühen Lese-Erfahrungen seiner Foto-Bildung gehörte. Die Linie New Color → Becher → Düsseldorfer Schule ist keine Genealogie, sondern eine Lesegemeinschaft.

Heute wirken die Aufnahmen lesbarer, weil das Sujet — amerikanische Provinz, Vorstadt-Architektur, Highway-Infrastruktur — durch fünfzig Jahre Bildgeschichte hindurch geprüft ist. Wir sehen nicht mehr Shores Bilder zuerst, sondern alles, was zwischendurch entstanden ist: Eggleston-Plates, Mitch Epstein, Alec Soth, schließlich die Generation der digitalen Roadtripper. Shores Aufnahmen halten dieser Schichtung stand, weil sie nicht aus Reise-Romantik kommen, sondern aus geduldiger Komposition. Eine Aufnahme von ihm braucht in der Regel zwanzig Minuten Vorbereitung — die Kamera wird justiert, der Bildausschnitt erprobt, das Licht abgewartet.

Was wir aus Uncommon Places für die laufende Bildkultur mitnehmen können, ist die Lehre, dass das Banale fotografierbar ist, wenn man es ernst nimmt. Eine Tankstelle ist kein Symbol, sie ist eine Tankstelle. Aber sie ist eine Tankstelle in einem bestimmten Licht, an einem bestimmten Tag, mit einer bestimmten Anordnung von Fahrzeugen, Reklamen und Personen, die zufällig im Bild sind. Diese Spezifik — das Hier-und-Jetzt eines unspektakulären Ortes — ist das, was bleibt. Im Heft 22 leiten wir aus diesem Lehrstück die Frage ab, was heute die Tankstelle wäre. Vielleicht der Mietfahrrad-Stellplatz. Vielleicht das Versorgungszelt vor einem Lieferdienst-Depot. Die Aufnahme wartet noch.


Ressort: Porträts